Berufliche Unzufriedenheit als Mutter – Muss ich mich selbst opfern?
Wenn der berufliche Weg plötzlich nicht mehr passt
Viele Mütter kennen dieses Gefühl: Vor den Kindern war der berufliche Weg vergleichsweise klar. Ziele ließen sich verfolgen, Entscheidungen fielen leichter, Arbeit hatte Struktur und Richtung. Mit dem Mutterwerden verändert sich vieles grundlegend. Plötzlich kommen neue Aufgaben, Verantwortungen und Abhängigkeiten hinzu, die vorher kaum vorstellbar waren. Die berufliche Zufriedenheit rückt dabei oft schleichend in den Hintergrund. Nicht, weil sie unwichtig geworden wäre, sondern weil die Kräfte begrenzt sind und der Alltag immer komplexer wird.
Vereinbarkeit zwischen Anspruch und Realität
Hinzu kommt, dass vieles, was vor der Geburt scheinbar gut besprochen war, in der Realität mit Kind vielleicht doch nicht funktioniert. Absprachen mit dem Partner müssen ständig neu ausgehandelt werden. Das kostet Energie und birgt Konfliktpotenzial. Gleichzeitig durchläufst du selbst einen inneren Veränderungsprozess. Mutterwerden verschiebt Werte, Prioritäten und dein Selbstbild. Was früher motivierend war, fühlt sich vielleicht leer an. Und Dinge, die du nie auf dem Radar hattest, werden plötzlich zentral. Diese innere Neuorientierung trifft jedoch auf berufliche Systeme, die noch viel zu wenig Raum für genau diese Veränderungen lassen. Vereinbarkeit bleibt vielerorts ein Ideal, kein gelebter Standard. Du sollst deine Kinder betreuen, als würdest du nicht arbeiten, und Karriere machen, als hättest du keine Kinder. Kein Wunder, dass sich sehr viele Mütter innerlich zerrissen fühlen und berufliche Zufriedenheit kaum noch spürbar ist.
Warum berufliche Unzufriedenheit keine Schwäche ist
Psychologisch betrachtet ist diese Unzufriedenheit kein persönliches Scheitern. Sie entsteht dort, wo mehrere Rollen gleichzeitig maximale Präsenz verlangen und kaum miteinander vereinbar sind. Mutter, Berufstätige, Partnerin, eigenständige Frau. Wenn diese Rollen nicht klar sortiert sind oder sich gegenseitig blockieren, entsteht Druck. Viele Mütter beginnen dann, an sich selbst zu zweifeln und fragen sich, ob Selbstaufgabe einfach dazugehört.
Doch berufliche Unzufriedenheit ist oft kein Zeichen mangelnder Dankbarkeit oder fehlender Belastbarkeit. Sie ist vielmehr ein Signal dafür, dass innere Werte, äußere Anforderungen und gelebte Realität nicht mehr zusammenpassen. Dieses Signal ernst zu nehmen ist kein Egoismus, sondern ein Akt von Selbstfürsorge.
Drei Fragen, die dir wieder Orientierung geben können
Statt nach schnellen Lösungen zu suchen, lohnt sich ein Schritt zurück. Nicht, um sofort alles zu verändern, sondern um Klarheit zu gewinnen. Vielleicht magst du dir einen ruhigen Moment nehmen und dir folgende Fragen stellen:
- Was genau macht mich beruflich unzufrieden und was davon ist veränderbar?
Geht es um Zeitdruck, fehlende Wertschätzung, Inhalte, Arbeitszeiten oder Rahmenbedingungen? Nicht alles liegt in deiner Hand, aber oft mehr als gedacht. - Welche Bedürfnisse von mir kommen beruflich gerade zu kurz?
Zum Beispiel Sicherheit, Sinn, Entwicklung, Autonomie, Ruhe oder soziale Verbindung.Unzufriedenheit ist häufig ein Hinweis darauf, dass ein wichtiges Bedürfnis dauerhaft unerfüllt bleibt. - Wenn ich für einen Moment alle Erwartungen ausblende: Wie möchte ich als Mutter wirklich arbeiten?
Nicht „wie sollte ich“, nicht „was ist realistisch“, sondern: Was würde sich stimmig anfühlen? Diese Antwort ist oft leiser als die äußeren Stimmen, aber sie ist da.
Diese Fragen sind kein Garant für perfekte Lösungen. Aber sie können dir helfen, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen, jenseits von Pflichtgefühl und Dauerfunktionieren.
Deinen eigenen Weg finden – trotz starrer Strukturen
Wir können als Einzelne die Systeme nicht von heute auf morgen verändern. Aber wir können uns innerlich stärken und bewusster entscheiden, wofür wir unsere Energie einsetzen. Psychologisch geht es dabei um Rollenklärung, Wertearbeit und realistische Zielbilder für die aktuelle Lebensphase. Vielleicht bedeutet das, Prioritäten neu zu setzen, alte Vorstellungen loszulassen oder mutig neue Absprachen zu treffen: mit dem Partner, dem Arbeitgeber oder auch mit dir selbst.
Berufliche Zufriedenheit als Mutter ist selten ein Entweder-Oder. Sie wächst Schritt für Schritt dort, wo deine Werte wieder mehr Raum bekommen und du dich nicht länger permanent zerreißt.
Du musst das nicht allein klären
Wenn du merkst, dass dich diese Fragen schon länger beschäftigen und du dir Unterstützung wünschst, musst du diesen Weg nicht allein gehen. In meinem Resilienzkurs für Mütter oder im 1:1-Coaching begleite ich dich dabei, berufliche Unzufriedenheit einzuordnen, innere Klarheit zu gewinnen und einen Weg zu entwickeln, der zu dir und deiner Lebensrealität passt. Nicht als weiteres Projekt, sondern als sanfte Rückverbindung zu dir selbst.
Du darfst beruflich erfüllt sein, ohne dich dafür aufzugeben.
Studien und weiterführende Links:
- Williamson, N. & Wagstaff, C. (2022). Mothering Ideology: A Qualitative Exploration of Mothers’ Perceptions of Navigating Motherhood Pressures and Partner Relationships.
In dieser qualitativen Studie mit Müttern kleiner Kinder wird untersucht, wie die „good mother“- und „intensive mothering“-Ideologie den Alltag, die Paarbeziehung und das eigene Identitätserleben prägen. Die Autorinnen zeigen, wie unrealistische Mutter-Ideale zu Schuldgefühlen, inneren Widersprüchen und Rollenkonflikten führen und wie unterstützende Partnerbeziehungen diese Dynamik abfedern können.
https://colab.ws/articles/10.1007%2Fs11199-022-01345-7 - Bundeszentrale für politische Bildung (2024). Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Sozialbericht 2024.
Der Beitrag fasst aktuelle Zahlen und Entwicklungen zur Erwerbstätigkeit von Eltern zusammen und zeigt, dass vor allem Mütter ihre Arbeitszeit nach der Geburt reduzieren und weiterhin den Großteil der Sorgearbeit tragen. Er macht deutlich, dass „Vereinbarkeit“ für viele Familien ein anspruchsvolles Balanceprojekt bleibt und strukturelle Bedingungen (Betreuung, Arbeitszeiten, Rollenbilder) eine zentrale Rolle spielen.
https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553064/vereinbarkeit-von-familie-und-beruf/ - Scholz, U. et al. (2022). Maternal self-conception and mental wellbeing during the first wave of the COVID-19 pandemic: A qualitative interview study through the lens of “intensive mothering” and “ideal worker” ideology.
Diese qualitative Studie beleuchtet, wie Mütter während der Pandemie zwischen den Normen der „intensiven Mutter“ und der „ideal worker“-Ideologie hin- und hergerissen sind. Sie zeigt, wie der gleichzeitige Anspruch, jederzeit perfekte Mutter und leistungsstarke Arbeitnehmerin zu sein, zu starker mentaler Belastung, Schuldgefühlen und dem Erleben von Selbstaufgabe führen kann und wo Mütter Strategien finden, um eigene Grenzen und Bedürfnisse ernster zu nehmen.
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fgwh.2022.878723/full
Foto: Unsplash, Vitolda Klein
